Historie

Aus: Madea, B (Hrsg) 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Gerichtliche Medizin/Rechtsmedizin. Vom Gründungsbeschluss 1904 zur Rechtsmedizin des 21. Jahrhunderts (2004)
 
Kurzer Abriss der Geschichte der Rechtsmedizin in Frankfurt am Main

Die frühe Frankfurter gerichtliche Medizin war seit Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V (Karolina) geprägt (RADBRUCH 1991), die bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Kriminalakten der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main belegt ist (Emrich 1990, Budewig 1991, Röder 1995, Schneider 1998).

Die "moderne Rechtsmedizin" beginnt mit der Zusammenführung der in Kliniken und medizinischen Instituten verstreuten Einrichtungen und der Errichtung des Lehrstuhls an der neu gegründeten Frankfurter Stiftungs-Universität im Jahre 1914 (Hammerstein 1989). Zuvor wurden die forensische Chemie und Toxikologie durch Georg Popp (geb. 31.7.1861 in Frankfurt am Main), die forensische Psychiatrie durch Julius Raecke (geb. 17.7.1872 in London), die Versicherungsmedizin durch Hans Liniger (geb. 24.4.1863) und die Rechts- und Standeskunde durch August de Bary (geb. 18.02.1874 in Frankfurt am Main) vertreten. Weiterhin wurden von Edgar Goldschmid (geb. 14.12.1881 in Frankfurt am Main) Vorlesungen über gerichtliche Medizin abgehalten.
Die klassische somatische Rechtsmedizin unterstand dem ersten (und letzten) Frankfurter Gerichtsarzt Karl Roth (geb. 19.3.1861 in Neunkirchen, gest. 1931), der von 1901 bis 1927 die nach einem preußischen Gesetz geschaffene Stelle besetzte ("Der Kreisarzt ist der Gerichtsarzt seines Amtsbezirkes. Wo besondere Verhältnisse es erfordern, kann die Wahrnehmung der gerichtsärztlichen Geschäfte besonderen Gerichtsärzten übertragen werden...") und sich in außerordentlichem Maße für die Selbstständigkeit der gerichtlichen Medizin eingesetzt hatte (Wiethold 1960, Kögler 1988)

Als erster Lehrstuhlinhaber trat Willi Vorkastner (geb. 20.07.1878 in Potsdam, gest. 19.11.1931 in Halle) am 1.10.1927 sein Amt an, wobei die Unterbringung in einem Seitenflügel der Senkenbergischen Anatomie auf dem Universitätsgelände mit großer räumlicher Enge verbunden war. Nachdem auch mit erheblichen Anstrengungen keine Verbesserung erreicht werden konnte, entschloss sich Vorkastner einen Ruf nach Halle an der Saale anzunehmen und trat dort am 1.4.1931 sein Amt an. Er starb nur wenige Monate später im Institut an einem Herzinfarkt.

Zu den berühmtesten Schülern Vorkastners gehört Berthold Mueller (geb. 14.1.1898 in Memel, gest. 9.7.1976 in Heidelberg), der aus Greifswald kommend vom 1.10.1927 bis 30.10.1930 als außerplanmäßiger Assistent in Frankfurt arbeitete, sich am 28.11.1929 habilitierte und zum 1.11.1930 seinem Lehrer nach Halle vorausging (ausführliche Darstellung bei Schoeler 1992).

Nach kurzer Interimszeit durch Augustin Forster wurde Ende 1931 Gottfried Raestrup (geb. 3.5.1889 in Borghorst, gest. 26.9.1955 in Frankfurt/M.) Lehrstuhlinhaber. Nach nur drei Jahren ging er 1934 nach dem Tode Kockels zurück nach Leipzig. Raestrup hatte sich einen Namen durch anerkannte Forschungsbeiträge zur Blutgruppenbestimmung gemacht und war auch im sog. „Dritten Reich“ bemüht, die streng naturwissenschaftliche Ausrichtung der Gerichtsmedizin zu sichern. Obwohl er sich von den Nazis nicht instrumentalisieren ließ, wurde er 1946 von den sowjetischen Militärbehörden wegen seiner Unterschrift unter die Dokumente von Winniza verhaftet. Raestrup hatte während des Krieges die dort gefundenen Leichen untersucht und deren Tod auf 1937/38 datiert. Offensichtlich lagen hier Parallelen zu Katyn vor, wo Opfer der Stalinzeit von den sowjetischen Behörden als Nazi-Opfer deklariert werden sollten. Nach seiner Freilassung ging Raestrup nach West-Deutschland (Leipzig Institut Homepage 2004)

Zu den bedeutenden Schülern Raestrups zählten Friedrich Timm (Ordinarius in Jena), Emil Weinig (Ordinarius in Erlangen) und Ernst Scheibe (Ordinarius in Greifswald).

 Zum Nachfolger wurde Rolf Hey ernannt (geb. 6.12.1892 in Berlin, gest. 14.10.1940 in Frankfurt am Main), der den Umzug in die sog.“ Euler-Villa“ bewerkstelligte, einem repräsentativen Jugendstilbau an der Forsthausstrasse (Nr.104), in dem noch heute die Rechtsmedizin „residiert“ (jetzt Kennedyallee 104).

In dieser Villa hatte August Euler mit seinen sechs Kindern gewohnt. Er war einer der frühen Flugzeugpioniere Deutschlands, der den ersten Flugzeugführerschein erwarb; er führte der ersten Luftpostflug von Frankfurt über Darmstadt nach Mainz durch und war auf der 1. Flugzeugweltausstellung neben den Gebrüdern Wright mit eigenen Flugzeugen vertreten.

 Als nach dem 1. Weltkrieg im Versailler Vertrag auch der zivile Flugzeugbau verboten wurde, wechselte August Euler als Staatssekretär in die Politik, um den für ihn existenzvernichtenden Vertrag aufzuheben. Nachdem dies nicht gelang, verkaufte er vor seinem Umzug in den „Adlerhorst“ im Schwarzwald 1937 der Universität sein Wohnhaus zu dem geringen Preis von 35 000 RM, mit der Auflage, dass es für die Wissenschaft und nicht als Wohnhaus oder Verwaltungsgebäude zu nutzen sei. Dieses Vermächtnis hat die Rechtsmedizin über die Jahrzehnte hinweg davor bewahrt in ein moderneres Gebäude umziehen zu müssen, sodass nach wie vor die Arbeit im „schönsten ... der gerichtsärztlichen Institute Deutschlands“ (Wiethold, 1960) vonstatten geht.

Hey erhielt nach seiner Habilitation (1925) einen Ruf an die Universität Greifswald (1927) und übernahm am 1.1.1934 den Lehrstuhl in Frankfurt am Main, den er bis zu seinem Tod (14.10.1940) innehatte.
Die personelle Besetzung war zu Beginn mit zwei wissenschaftlichen Assistenten (Dr.Carow, Dr.Philipp), einer Büroangestellten, einer technischen Assistentin und zwei Putzfrauen dürftig, doch gelang es Hey durch unermüdliche Eingaben und Schriftwechsel (nachzulesen bei Kögler 1988), das Institut personell aufzustocken, das 1940 wie alle gerichtsärztlichen Institute in Deutschland den Namen "Institut für gerichtliche Medizin und Kriminalistik" trug,

Hey war "dem nationalsozialistischen System ergeben"( Herber 2002). Kögler (1988) charakterisiert ihn als einen Menschen, "der tief in seinem Innern den Traditionen der vergangenen Jahrhunderte verhaftet war". Sein Sohn Richard Hey (HEY 2003) spricht von "unentschlüsselbaren Bildern" und Widersprüchen, die durch Ernst, Strenge und Parteizugehörigkeit auf der einen Seite sowie durch kritisch-distanzierte Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen System auf der anderen Seite geprägt waren.

Sein Schüler Gottfried Jungmichel (geb. 1.5.1902 in Spantekow Kr.Anklam, gest. 2.2.1981 in Göttingen) vertrat bis 1945 den Lehrstuhl in Göttingen.

 Nach den plötzlichen Tod von Rolf Hey im Alter von 48 Jahren übernahm Wilhelm Hallermann kommissarisch die Leitung, bis im Sommersemester Ferdinand Wiethold (geb. 24.12.1893 in Bocholt, gest. 17.4.1961 in Frankfurt) berufen wurde, der das Institut, das den Krieg mit einigen Schäden überstanden hatte, bis zu seinem Tode 1961 leitete.
Wiethold hatte zunächst als Assistent am Pathologischen Institut in Frankfurt gearbeitet, seine Ausbildung am Preußischen Hygienischen Institut in Landsberg und an der Universitäts-Nervenklinik in Rostock fortgesetzt, bis er 1926 als außerplanmäßiger Assistent in das gerichtsärztliche Institut in Breslau (Leitung Puppe) wechselte. Seine weitere Ausbildung wurde durch Müller-Hess in Bonn geprägt, wo er sich 1929 habilitierte. 1930 - 1935 war er unter seinem Lehrer in Berlin tätig, wurde dort zum a.o. Professor ernannt und erhielt 1935 einen Ruf an das Institut der Universität in Kiel, das er bis zu seiner Berufung am 1.5.1941 nach Frankfurt leitete (Grüner 1961).

Zu seinen bedeutenden Schülern gehören Ernst Oskar Grüner (geb. 24.03.1919 in Leipzig, gest. 3.7.2001 in Kiel, Ordinarius in Giessen und Kiel), Karl Luff (geb. 6.4.1921 in Frankfurt/M., gest. 3.11.1994 in Frankfurt/M) sowie Reinhard Redhardt (geb. 11.03.1921 in Schlüchtern).

 Sein Nachfolger, Joachim Gerchow (geb. 26.06.1921 in Mirow/Mecklenburg), vertrat als Schüler Ferdinand Hallermanns die von Müller-Hess geprägte sozial-psychiatrische Ausrichtung der Rechtsmedizin und hat in seiner über 27 jährigen Amtszeit das Fach in hervorragender Weise vertreten (ausführliche Darstellungen bei Grüner 1986, Schneble 1991, Bratzke u. Neis 1997, Mebs 2001, Bratzke 2001)

 Joachim Gerchow hatte sich 1948 als Schüler von Hallermann mit dem Thema "Die Bedeutung der reaktiven Abnormisierung für die Beurteilung von Kindesmörderinnen" in Kiel habilitiert, wurde am 23.12.1959 zum apl. Professor ernannt und übernahm vom 01.06.1962 zunächst die kommissarische Leitung des Institutes bis zur Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des Institutes für gerichtliche und soziale Medizin am 18.10.1962. Nach der Hochschulreform war er bis zu seiner Emeritierung am 30.09.1989 Geschäftsführender Direktor des Zentrums der Rechtsmedizin am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität und in Personalunion Leiter der Abteilung I.

Zu seinen