DVD "Natalie oder der Klang nach der Stille"

Die DVD ist jetzt mit Untertitel für Hörgeschädigte verfügbar!

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Natalies Blick haftet aufmerksam auf ihrem Gegenüber, weicht nicht von dessenLippen. Denn Natalie weiß jedem Kräuseln des Mundes, jedem Zungenschlag, auchjedem Hüpfen des Kehlkopfs Bedeutung zu geben. Sie liest von den Lippen ab.

Natalie ist von Geburt an praktisch taub. Unterhält man sich mit ihr, vergißt man das leicht. Weil Natalie nahezu spricht als könne sie hören. Dennoch fühlt sie sich manchmal im Niemandsland zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt, weil ihr so viele Worte und Inhalte entgehen. „Ich bin zu taub, um in der hörenden Welt zu sein, aber schon viel zu sehr an der hörenden Welt orientiert, um in der gehörlosen Welt zu sein“, sagt sie.

Auch darum hat sich die einunddreißigjährige Natalie zu einer Operation durchgerungen. Sie wird sich ein Hörimplantat hinter das Ohr und ein dazugehöriges Bündel Elektroden in die Gehörschnecke implantieren lassen, eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Die Ärzte, die der Einunddreißigjährigen zuraten, nennen es Cochlea-Implantat. Für Natalie verkörpert es die Hoffnung, teilzuhaben an der Wahrnehmungswelt der Hörenden.

Während die Operation immer näher rückt, kämpft Natalie mit ihren Zweifeln, ob sie der Anstrengung des Hörenlernens gewachsen sein wird. „Vor der Operation habe ich sehr viel Angst, nicht, weil ich glaube, daß es schief geht, sondern weil es eine Reise ins Ungewisse ist.“ Mit Unbehagen drängen sich Erinnerungen an die Zeit ihrer Kindheit auf. Denn dem Erwerb ihrer Fähigkeit, als Gehörlose wie eine Hörende zu sprechen, lag ebenfalls ein enormer Drill zugrunde. Und nun sagen die Ärzte, daß ihr Hörvermögen nach der Operation dem eines neugeborenen Babys gleichen würde. Wird sie nun das Hörenlernen an die Grenzen der Belastbarkeit bringen? Diese Ungewißheit wird für Natalie zum Anlaß, ihrer Vergangenheit nachzuspüren. Was hat es eigentlich bedeutet, gehörlos, ja, behindert zu sein? Sowohl für ihr eigenes Leben als auch für ihre Familie? Mit der Unterstützung ihres Vaters, ihrer Schwestern, ihrer Freunden rekonstruiert sie, parallel zum gegenwärtigen Lauf der Ereignisse, markante Stationen ihrer Lebensgeschichte. Und dann ist der Tag der Operation endlich da. Etwa drei Stunden dauert der Eingriff. Und gleich im Anschluß können die Ärzte prüfen, ob Natalies Hörnerv wirklich reagiert. Vier Wochen muß sie dann warten, ehe das Implantat erstmals eingeschaltet wird. Ein Moment, den Natalie herbeisehnt und zugleich fürchtet. Wie wird klingen, was sie dann hört? Bei der ersten Hörprobe fühlen sich die ersten akustischen Reize wie Stromschläge an, die ins Gehirn schießen.

Schonungslos und ungefiltert bricht die neue Klangwelt über Natalie herein. Von nun an muß sie lernen, das Geräusch eines aufsetzenden Glases vom Klacken  eines Feuerzeugs, das Brummen der Waschmaschine vom Dudeln eines Radios, das Klingeln eines Telefons von einer Türklingel zu unterscheiden. Es ist, als erlerne sie eine neue Sprache. Denn Natalie spricht zwar fast wie eine Hörende, doch weder ihre Stimme, noch die irgendeiner anderen Person hat sie je vernommen. Sie weiß nicht, wie die Worte klingen, die sie sagt, sie weiß nicht, wie sich die einzelnen Buchstaben anhören, aus denen sie die Worte bildet. Ihr Gehirn muß eine Leistung vollbringen, die ihm vorher nie abverlangt wurde. Auf einmal wird klar, daß das Wort Hörbaby sprichwörtlich gemeint ist. „Meine große Hoffnung ist, daß ich irgendwann nicht mehr auf das Lippenlesen angewiesen bin.“

Die zuletzt mit dem hessischen Filmpreis ausgezeichnete  Dokumentarfilmemacherin Simone Jung hat für den Hessischen Rundfunk  Nathalies dramatischen Weg in die Welt der Hörenden begleitet. Der eindrucksvolle Film lässt die Zuschauer unmittelbar an den Ängsten und Hoffnungen teilhaben, vermittelt ein plastisches Bild davon, was es heißt, taub geboren zu sein. Nathalie selbst nämlich ist die Erzählerin ihrer Geschichte, Simone Jung ihre „Übersetzerin“, die ihr bei der filmischen Umsetzung hilft.

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