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Geschichte der HNO-Klinik

Die Stiftung und das Gebäude Carolinum

Die Universität Frankfurt am Main wurde als Stiftung des jüdisch geprägten Bürgertums einer zur modernen Industrie-, Handels- und Bankenzentrale aufgeblühten Großstadt begründet. Die medizinische Fakultät profitierte in ihren Anfängen von der Eingliederung bedeutender, bereits bestehender Stiftungseinrichtungen und konnte so rasch hervorragende Wissenschaftler und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen in Therapie, Forschung und Lehre vereinen. Der historische Ursprung der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde geht zurück auf die Heilanstalt Carolinum, die 1890 zu Ehren des jüdischen Bankiers, Mäzens und Wohltäters Freiherr Mayer Carl von Rothschild und seiner Ehefrau Caroline gestiftet wurde. Der ursprüngliche Zweck der Einrichtung war die unentgeltliche Behandlung Bedürftiger in einer „medicinischen Abtheilung“ und einer „zahnärztlichen Abtheilung“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konkretisierten sich die Pläne des Frankfurter Stadtrats zur Gründung der „Akademie für praktische Medizin“ als Maßnahme zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. 1906 wurde in einer Kooperation von Stadt und Stiftung der Bau des Gebäudekomplexes „Carolinum“ am heutigen Standort beschlossen und von 1908 bis 1909 ausgeführt. Dort untergebracht waren die Zahnklinik, die Hals- und Nasenklinik, die Ohrenklinik sowie im Seitenflügel die Augenklinik.

Zur Gründung der Universität zu Frankfurt am Main am 18.10.1914 wurden – entsprechend der damaligen Teilung des Fachgebiets der HNO-Heilkunde – zwei verschiedene Ordinarien benannt: Gustav Spiess leitete die Hals-Nasen-Klinik von 1914 bis 1929. Nach seiner Emeritierung wurden beide Kliniken zusammengeführt; Otto Voss als bisheriger Direktor der Ohrenklinik übernahm nunmehr die Gesamtleitung bis zum Jahr 1937. Von 1929 bis 1930 wurde der Komplex um einen heute nicht mehr existierenden Anbau zwischen Torhaus und Hauptgebäude erweitert. Hier waren Operationssäle, Forschungslabore und Praktikumsräume zur Ausbildung der ständig steigenden Zahl von Studenten untergebracht.

Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft

Als jüdische Stiftung war das Carolinum nach Hitlers Machtergreifung besonders gefährdet, in die „Reichsvereinigung der Juden“ eingegliedert und enteignet zur werden, so wie es 50 gemeinnützigen Frankfurter Vereinigungen mit einem Gesamtvermögen von 8 Millionen Reichsmark erging. Fast ein Drittel der akademischen Lehrer wurden Anfang der 1930er Jahre aus rassistischen Gründen oder wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aus ihrem Amt gdrängt. Nur durch Besonnenheit und persönlichen Mut gelang es dem Stiftungsvorstand trotz Terroranschlägen und materiellem Verlust, Name und Trägerschaft der Stiftung zu erhalten. Die HNO-Klinik wurde während der Kriegszeit in ein Lazarett umgewandelt, welches Max Schwarz als Stabsarzt bis zu seiner Entlassung durch die Militärregierung im Jahre 1945 führte.

Die Nachkriegszeit

Während der frühen Nachkriegsjahre prägte Artur Blohmke durch seine vielseitigen Arbeiten auf dem Gebiet der Infektiologie und der Erforschung des Gleichgewichtssinnes die HNO-Klinik. 1956 starb er nach langer Krankheit an den Folgen eines Schlaganfalls. Richard Mittermaier führte die Abteilung von 1956 bis 1966; er galt als Autorität auf dem Gebiet der Elektronystagmographie und der Röntgendiagnostik im HNO-Bereich. Von 1966 bis 1977 baute Karl-Heinz Vosteen systematisch die Labore für Innenohrforschung und Tumorbiologie auf. Klinisch etablierte er die funktionserhaltende Kehlkopfchirurgie. In diesen Jahren wurden aufgrund der zunehmenden Raumknappheit mithilfe mehrerer Baumaßnahmen sowie temporärer Nutzung benachbarter Gebäudekomplexe die Nutzflächen auf 3400m² verdoppelt. Trotz der seit Jahren festgestellten Notwendigkeit für einen Neubau zur Auslagerung der Zahnklinik waren mehrere Planungsvorhaben Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahren gescheitert. Erst im Zeitraum von 1973 bis 1978 konnte das ZZMK (Zentrum für Zahn-Mund-Kieferheilkunde) am Westende des Campus nahe des Mainufers errichtet werden. Durch den Umzug im Sommer 1978 wurden für die HNO-Klinik dringend benötigte Räumlichkeiten frei.

Ausbau der HNO-Klinik

Ab 1977 übernahm Christoph von Ilberg zunächst als Kommissarischer Leiter, später als Ordinarius und Direktor die HNO-Klinik der Johann Wolfgang Goethe-Universität und prägte sie bis zum Jahr 2000. Er erweiterte das klinische Spektrum der Abteilung um die Engstellenchirurgie der oberen Luftwege, die Mikrochirurgie der Nasennebenhöhlen sowie den Einsatz medizinischer Lasersysteme. In dieser Zeit wurde die Implantation von Innenohrprothesen (Cochlear Implant) in Frankfurt etabliert und – basierend auf der langjährigen Forschungsarbeit – das Konzept der elektroakustischen Stimulation entwickelt, welches auch heute noch wegweisend für die operative Behandlung hochgradig Schwerhöriger ist.

Da der frühere Operationsbereich modernen hygienischen und arbeitsmedizinischen Richtlinien nicht mehr genügte, wurde das Gebäude  im Jahr 1991 um den OP-Trakt erweitert, der sich über dem Innenhof des historischen Carolinums erhebt. Trotz des architektonischen Kontrasts zum wilhelminischen Altbau war der OP-Trakt eine technische und logistische Meisterleistung: Nur die erdbebensicher verankerten Stützpfeiler waren vor Ort errichtet worden; die Funktionsräume selbst wurden in moderner Containerbauweise vorgefertigt, auf Tiefladern angeliefert und mithilfe eines gewaltigen Hubkrans über das Dach des Carolinums auf die Stützkonstruktion gesetzt. Binnen Rekordzeit war der neue Operationsbereich einsatzbereit.

Das neue Jahrtausend

Nach von Ilbergs Emeritierung wurde die Leitung der HNO-Klinik Wolfgang Gstöttner übertragen. Bevor Gstöttner im Jahr 2008 in seine akademische Heimat Wien zurückkehrte, etablierten er und sein Team die moderne Mikrochirurgie des Ohres sowie die endoskopische Nasennebenhöhlenoperation an der Universitäts-HNO-Klinik. Seit 01.01.2010 ist mit Timo Stöver ein ausgewiesener Schädelbasischirurg und Otologe als Ordinarius und Klinikdirektor berufen. Voraussichtlich im Jahr 2015 wird die HNO-Klinik aus dem historischen Stiftungsgebäude in den Erweiterungsbau des Hauptklinikums verlegt werden. Die angestrebte räumliche Nähe zu den anderen „Kopffächern“ Neurochirurgie, Neurologie und Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie unterstreicht die bereits etablierte Zusammenarbeit der Abteilungen im Rahmen moderner, interdisziplinärer Therapiekonzepte.

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